Messdatenplattform
Hydronic Group · Heizungskraft Technik
Messkonzept · Physik · Größen · Events

Was die Plattform misst — und wie daraus Erkenntnisse werden

Die Architektur-Seite beschreibt, wie die Daten fließen — diese Seite beschreibt, was gemessen wird, welche physikalischen Größen daraus abgeleitet werden und welche Ereignisse die Plattform erkennt. Bezugsnormen sind jeweils angegeben.

1. Signalkette — vom Sensor bis zur Zeitreihe

Der Anhänger liest die Heizungsanlage über Modbus TCP (Wärmepumpe) und M-Bus (Gasbrennwert, Wärmemengenzähler). Ein Telegraf-Agent puffert lokal bei Funkausfall und überträgt die 1-Minuten-Rohdaten per MQTT/TLS in die Plattform.

2. Messkanäle & Unsicherheiten

Jeder Kanal ist pro Kampagne in core.sensors mit Protokoll, Typ und GUM-konformer relativer Unsicherheit hinterlegt. Abtastrate ist die Polling-Frequenz am Edge; in der Plattform liegen davon aggregierte 1-min-Werte.

KanalGrößeEinheitAbtastrateUnsicherheitProtokoll
WP – VorlauftemperaturT_VL°C1 s±0,3 KModbus TCP
WP – RücklauftemperaturT_RL°C1 s±0,3 KModbus TCP
WP – Volumenstroml/min1 s±1,5 %Modbus TCP
WP – el. LeistungP_elW1 s±1,0 %Modbus TCP / MID-Zähler
WP – Verdichterfrequenzf_compHz1 s±0,1 HzModbus TCP
WP – Abtauflagdefrostbool1 sModbus TCP
Gas – Vorlauf-/RücklaufT_VL/T_RL°C30 s±0,3 KM-Bus
Gas – VolumenV_gas30 s±1,0 %M-Bus
Gas – Modulationmod%30 s±2,0 %M-Bus
WMZ – WärmemengeQkWh60 s±2,0 %M-Bus, Klasse 2 (EN 1434)
Ambient – Außentemp.T_out°C60 s±0,5 K1-Wire / MQTT
Ambient – SolarstrahlungGW/m²60 s±5 %MQTT (Pyranometer)

3. Abgeleitete Größen & Formeln

Aus den Rohkanälen berechnet die Plattform folgende Kennzahlen. Bei abgeleiteten Größen wird die Messunsicherheit nach Gauß'scher Quadratur fortgepflanzt (GUM).

SymbolGrößeFormelEinheitNorm / Referenz
Q̇_thThermische Leistung (Heizkreis)Q̇_th = ṁ · c_p · (T_VL − T_RL)WDIN EN 1434 (Wärmezähler)
P_elElektrische Leistung (WP)P_el = U · I · cos φ (3-Phasen-Messung)WDIN EN 50470 (Stromzähler MID)
COPCoefficient of Performance (Momentan)COP = Q̇_th / P_elDIN EN 14511
JAZJahresarbeitszahlJAZ = ΣQ_th / ΣP_el (über Heizperiode)VDI 4650, GEG §71
η_gasKessel-Nutzungsgradη = Q_th / (V_gas · H_s · f_ZH)DIN V 18599-5
PEPrimärenergiebedarfPE = E_end · f_PE (f_PE,Strom = 1,8; f_PE,Gas = 1,1)kWhGEG Anlage 4
m_CO₂CO₂-Emissionm_CO₂ = E_end · k_CO₂ (Strom 380 g/kWh; Gas 201 g/kWh)kgUBA-Netzmix 2022
ΔTSpreizung HeizkreisΔT = T_VL − T_RLKVDI 2073 (Zielwert ~7 K nach hydr. Abgleich)

4. Aggregationsstufen & Retention

Rohdaten werden per TimescaleDB Continuous Aggregates stündlich und täglich verdichtet. Marts sind dbt-modellierte, versionierte Sichten für Reporting; MinIO hält die Tages-Rohdumps als WORM für FZulG-Audits.

StufeQuelleGranularitätRetentionZweck
Rawmeasurements.heatpump / gasboiler / ambient1 min90 TageForensik, Eventdetail, ML-Features
Hourly CAGGanalytics.cop_hourly1 h2 JahreKampagnen-Dashboard, Trends
Daily CAGGanalytics.cop_daily1 d10 JahreHeizperiode-JAZ, Portfolio-Vergleich
Marts (dbt)analytics.mart_jaz_per_campaign u.a.KampagneunbegrenztReporting, GEG-Nachweis
WORM-ArchivMinIO (Raw-Dumps)Tagesdump≥ 10 JFZulG-Audit, Replay

5. Ereigniskatalog

Events entstehen automatisch aus Regeln, aus ML-Residuen oder manuell durch den Techniker. Jedes Event trägt einen Schweregrad (info, warning, critical), einen optionalen Normbezug und strukturierte Metadaten.

TypErkennungAussage / WirkungNorm
cold_snapT_out < P99-Quantil der Heizperiode für ≥ 6 hCOP-Einbruch dokumentiert, Abtauzyklen gezählt
hydraulic_balanceTechniker-Event + ΔT-Vergleich vorher/nachherSpreizung typisch 12 K → 7 K, Nachweis für GEG §60cDIN EN 12831 Verfahren B, VdZ-Fachregel
sensor_failStale-Check (Wert unverändert > 3 × Polling-Intervall) oder Range-CheckKanal aus Rollups entfernt, Lücke als Qualitäts-Flag sichtbarGUM (ausgeschlossener Wert)
ab_switchManuelles Event: Umschaltung WP ↔ Gas 72 hDirektvergleich bei identischen Randbedingungen (T_out, Heizlast)intern (experimenteller Nachweis)
sensor_driftEnergiebilanz Q̇=ṁ·c_p·ΔT vs. WMZ-Zähler, gleitend >2 %Drift-Event, Kalibrier-EmpfehlungGUM, DIN ISO 98-3
partload_cyclingKompressor-Takte/h > Grenzwert in TeillastHinweis auf Überdimensionierung / PufferspeicherVDI 4645
dhw_peakMorgens T_VL,WW > 55 °C + hohe el. LeistungWarmwasser-Nachweis getrennt von RaumheizungDIN EN 16147 (WW-COP)
ml_anomalyIsolationForest auf Residuen (Modell vs. Messung)Ungeklärter Reststrom-Peak → Tickets

6. Vergleichsmethodik WP vs. Gasbrennwert

  • A/B-Umschaltung (72 h): Kampagne schaltet hydraulisch auf den Gasbrennwertkessel um, identische Randbedingungen (T_out, Heizlast, Zeitprofil). Liefert das direkteste Vergleichsfenster — weniger normativ, maximal belastbar.
  • Outdoor-Binning: Stündliche Messwerte werden in 2 K-Außentemperatur-Bins gruppiert; der Vergleich erfolgt innerhalb der Bins, um Witterungseffekte zu eliminieren.
  • Primärenergie-Faktoren: f_PE,Strom = 1,8, f_PE,Gas = 1,1 (GEG Anlage 4). Break-even gegenüber Gas liegt bei JAZ > f_PE,Strom.
  • CO₂-Emissionsfaktoren: Strom 380 g/kWh (UBA 2022, Netzmix), Gas 201 g/kWh (Brennwertbezug). Für Szenarien mit PV-Eigenverbrauch wird der Faktor auf Basis der Lastprofil-Überlagerung reduziert (Roadmap).
  • Kosten: Bezugsarbeitspreise pro Kampagne hinterlegt; Grundpreise explizit ausgewiesen, nicht in die kWh-Kosten hineingerechnet.

7. Was diese Plattform bewusst nicht tut

  • → Keine Echtzeit-Regelung der Anlage — die Plattform liest, sie greift nicht ein.
  • → Keine Schätzwerte, wo eine Messung fehlt. Lücken sind als Qualitäts-Flags sichtbar und fließen nicht in Rollups ein.
  • → Keine Umrechnung von Gas-Volumen auf Energie ohne Brennwert aus Netzbetreiber-Abrechnung (keine Pauschal-H_s).
  • → Keine Aggregation über Kampagnen hinweg, solange die Messunsicherheits-Fortpflanzung nicht validiert ist.